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Tracht und Niedertracht (bbr-Editorial 2/2010)

“Wer sich an Vorschriften festhalten kann, muss nicht selber denken.”

Ende November 2008 sagte die Bundesbank für 2009 eine Rezession um etwa 1 % voraus. Leider kam es etwas anders. Für 2010 erwartet man über 1 % Wachstum. Vielleicht kommt es ja wieder etwas anders.

Die Krise ist noch nicht überstanden, aber wir nähern uns dem Ausgang. Und wir sind relativ glimpflich davongekommen: Der Konsum ist nicht eingebrochen, die Arbeitslosigkeit ist weit geringer gestiegen als von den Berufskassandren versprochen. Grund: Die veröffentlichten Unkenrufe passten so gar nicht zur gefühlten persönlichen Situation. Denn: Trotz der schwierigen Wirtschaftslage sahen die meisten ihre Arbeitsplätze nicht gefährdet. Und angesichts drohender Kurzarbeit wollte sich manche( r) noch was Schönes gönnen, bevor das Geld alle wird.

Hinter diesem glimpflichen Verlauf steckt eine großartige, wenn auch nicht immer freiwillige gemeinschaftliche Leistung: Wesentliche Kräfte haben zusammengespielt: Politiker, (mittelständische) Unternehmer, Beschäftigte (die ja auch Konsumenten sind).

Die Ad-hoc-Maßnahmen der damaligen Bundesregierung machten den Anfang. Möglicherweise konnte das nur eine Große Koalition. Rotgrün hätte sich wohl nicht dem Verdacht planwirtschaftlicher Ambitionen aussetzen wollen, und bei Schwarzgelb hätte sich vielleicht die Prinzipienkavallerie formiert.

Gesellschaftlicher Konsens ist allerdings eine Provokation für diejenigen, die das Leben lieber als permanenten Kampf sehen – vielleicht nur, weil sie sich für die Stärkeren halten. Dabei übersehen sie zweierlei: Am Aschermittwoch ist zwar nicht alles vorbei, sehr wohl aber die Zeit der Büttenreden, auch im trachtenträchtigen Niederbayern; und permanenter Wahlkampf (im Schnitt haben wir alle drei Monate eine Bundes- oder Landtagswahl) heißt nicht permanenter Klassenkampf. Schon gar nicht ist alles erlaubt in einer zivilisierten Gesellschaft.

Anders als Sozialdarwinisten glauben, war nicht ständige Auseinandersetzung, sondern Zusammenhalt in Notzeiten entscheidend für die Menschwerdung – und ist es für das Menschsein. Deshalb ist Humanität (nicht verwechseln mit Humanismus!) für uns essenziell. Und zur Freiheit gehört eine gewisse soziale Absicherung, denn Angst macht unfrei. Zwecks Stimmenfang Arme gegen Ärmste hetzen, oder Einheimische gegen Zuwanderer, ist schändlich. Gezeter und Gekreische gehören ohnehin auf den Affenfelsen!

Noch eine Spezies hat nicht begriffen, dass sie nicht nur für den Weg in die Krise, sondern auch für den Weg heraus mitverantwortlich ist: Broker, ›Analysten‹ und Banker. Haben sie kürzlich ohne jede Vorsicht einige hundert Milliarden Euro verbummelt, sind zumindest letztere jetzt, da es um die solide Überbrückungsfinanzierungen seriöser Unternehmen geht, übervorsichtig und verschanzen sich hinter ›Basel II‹ und höheren Instanzen – wer sich an Vorschriften festhalten kann, muss nicht selber denken. Günstige Kredite würden jetzt dringend für den Aufschwung benötigt. Doch die Renditen solcher Kredite liegen deutlich unter 10 % – plus immerhin. Dann doch lieber mit ›Derivaten‹ jonglieren, Prämien und Abfindungen kassieren! Die nächste Blase bläht sich schon.

Prämien und Abfindungen sind auch das Steckenpferd mancher Manager der ›anonymen Sozietäten‹. Wann werden die kapieren, dass ein Unternehmen – es herrscht das Knappheitsprinzip – zuallererst Kunden braucht, zweitens gute Mitarbeiter und erst weit dahinter Shareholder? Geld ist mobil. Und es gibt genug Anleger, die lieber in eine solide Anlage mit solider Rendite investieren als in eine verlustträchtige Luftblase.

Neben den Banken und den großen Anlagefonds etablieren sich derzeit im Internet neue Formen der Kreditvergabe. Noch haben sie zwei Nachteile: Seriöse Anbieter sind selten; und bislang gibt es nur Kleinkredite. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und dann können Sie unwillige Banker auf die Gefälligkeit eines Mittelfingers hinweisen.

Hans-Georg Schätzl

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