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Full Tube (bbr-Editorial 3/2010)

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»Wer unter uns ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!«

Weder Politik noch Moral, sondern G. ist heute das Thema. Nicht um den G.! Auch nicht um G. wie Griechenland. Da ist eh alles klar: arglistige Täuschung – Vertrag nichtig. Andererseits, würden alle Länder mit Korruption und gefälschten Bilanzen aus der EU geworfen, bliebe nicht einmal die Schweiz übrig.

Nein, es geht um G. Oettinger. Wie? Schnee von gestern? Von wegen! Erstens war der Mai verdächtig kalt, zweitens ist G. immer noch im Amt. Muss er auch – damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, etwa: Bäcknäng, Brüsselle, Börlinle. Und schließlich ist Pfingsten das Fest der Sprachvielfalt.

Ja, wenn G. in Fahrt kommt, dann vermischen sich Nuschel- Schwäbisch und verschüttetes Schul-Englisch zu akzentuiertem Überschwenglisch. Haben Sie etwa akzentfreies Oxford-English erwartet von einem, der …? Na also! Äffrißing hängs tugässr.

Nun, meine Generation, die Mittfünfziger, ist da abgehärtet. Wir erwachten intellektuell, als höchster Repräsentant unserer Republik der gute H. war, der einst die wartende Queen mit »Equal goes it loose« vertröstet haben soll – worauf sie womöglich ihrem Ph. zugeraunt hat: »His English is but under all pig. By him is mucheasy a screw casual.« Doch dann hätte der/die/das Husband selferly versussprochen: »But no, he’s heavy on wire!«

Aber: Wer unter uns ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! Sprechen Sie etwa perfekt Englisch? Ich nicht. Ich stehe da G. ein wenig näher als der Queen. Leider! Und was man so auf Messerundgängen aufschnappt … Dschiisäß!

Doch auch die, die zu Hause sind in einer oder gar mehreren Fremdsprachen, sollten an ihre drei Retro-Finger denken, wenn sie mit dem einen auf einen wie G. zeigen, und erst mal den Balken aus dem eigenen Auge ziehen, bevor sie nach fremden Splittern suchen. Mit anderen Worten: Erst mal mit der Muttersprache ins Reine kommen, statt uns mit Anglizismen, vor allem › false friends‹, zu bebomben! »We are all sitting in one boat« ist immerhin noch ein Bild, das auf der ganzen Welt verstanden wird – und fast korrektes Englisch; doch ›das macht Sinn‹ ist blanker Unsinn – Lübke invers, Oettinger reziprok –, denn ein Etwas kann nicht Sinn herstellen – da hängt schon das englische Original schief. Und hört mir ›zehn mal mehr‹ auf mit ›in 2010‹ und web- oder sonstwas-›basiert‹! ›Basieren‹ ist intransitiv, das darf man nicht ins Passiv setzen – übrigens auch im Englischen nicht, aber das geht uns nichts an. Und wenn schon Denglisch, dann bitte gleich ›gebased‹.

»Ich erinnere das« hat Exkanzler G. gerne gesagt (und nicht nur er), aber nicht, woran; »Nun entspanne mal!« hätte man ihm gerne genau so falsch entgegnet. Anglizismen, ein Thema fass ohne Boden! Es waren wohl weltläufige ›Consultants‹, die uns derart infiltriert haben, und wir plappern alles nach. Aber: ›sin‹ heißt nicht Sinn, ›site‹ nicht Seite, ›gift‹ nicht Gift, ›technology‹ nicht Technologie, ›sensitive‹ nur beim Hautarzt sensitiv und ›to realize‹ nicht immer realisieren – der Eiffelturm wurde vor über 100 Jahren realisiert und steht auch dann herum, wenn wir die Augen zumachen. Und wer ›analyst‹ mit ›Analyst‹ übersetzt, sollte einen Psychiatrysten aufsuchen gelegentlich, sollt’nicht er?! Wann endlich werden wir Fragen und Verneinungen mit ›zu tun‹ umschreiben?
Aber nicht nur aus dem Englischen gibt es schiefe Übersetzungen: ›Der Stadt und dem Erdkreis‹ muss man alle heiligen Zeiten wieder hören und lesen – obwohl die Erde bereits seit 1987 auch für streng katholische Nachrichtenredakteure nicht mehr flach und kreis-, sondern eher kartoffelförmig ist.

Doch genug der Publikumsbeschimpfungen! Machen Sie sich einen schönen Urlaub und denken Sie stets daran, dass das ohne Bänder, Bleche und Rohre nicht möglich wäre! Machen Sie sich nichts daraus, wenn Sie am Ziel von einigen Hetzblättern mit historischen Andeutungen empfangen werden! Man weiß dort nicht, dass Korruption hierzulande auf Eliten beschränkt und kein Breitensport ist. Und wenn Sie hier bleiben, fragen Sie den G. Ihres Vertrauens nach einem Verzehrbon über 250 €, den Sie natürlich nur im Notfall einlösen – und Ihren Lieblings-I. im Falle eines Falles nach einem landestypischen Begleitservice, aber keine Männer mit Hut und Sonnenbrille!

Führung darf Spaß machen: Prof. Martin Beck hält nichts von demonstrativer Sauertöpfigkeit.

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»Auch auf Führungsebene darf gelacht werden – und zwar nicht bloß aufgrund von Sarkasmus, sondern aus Überzeugung!«

Führung ist ein ernstes Geschäft. Das wissen Führer und Geführte. Sie glauben auch, dass Sorgenfalten auf der Stirn die Ernsthaftigkeit beweisen, mit der eine Führungskraft ihrer Aufgabe nachgeht. Ernsthaftigkeit gilt hierzulande häufig als Basisqualifi- kation. Wer als Chef morgens pfeifend die Werkstreppe hinaufspringt und womöglich am Abend immer noch pfeifend das Unternehmen verlässt, so die landläufige Meinung, kann ja wohl nicht mit dem gebührenden Ernst bei der Sache sein, oder? Wo kämen wir hin, wenn Führung und Arbeit Spaß machten?! An Verantworiung trägt man gefälligst schwer, und einer Belegschaft voranzuschreiten ist schließlich anstrengend. Graue Haare und Sorgenfalten sind in diesem Sinne ein Seriositätsnachweis erster Güte. Dabei auch noch Spaß – das ginge zu weit nach dem weitverbreiteten Bild von Führung.

Lustvoll motivieren!
Diesem sauertöpfischen Bild muss heftig widersprochen werden! Ja, es ist sogar so: Wenn Führung nachhaltig und auf Dauer keinen Spaß macht, dann wird sie auch nicht wirksam sein. Martin Luther soll in seinen Tischreden den dazu passenden, wenngleich etwas rustikalen Satz gesagt haben: Aus einen traurigen Arsch könne kein fröhlicher Furz kommen! Schöner könnte es kein Motivationstrainer ausdrücken – höchstens feinfühliger. Der gute Luther war eben ein Praktiker und konnte viele Führer bei der Führungaarbeit beobachten. Eine Führungskraft, die morgens mit hängenden Schultern in den Betrieb schleicht, wird nun einmal kaum Begeisterung erzeugen und andere hinter sich scharen können.

Nun sind Anführer von Haus aus eher ernst als lustig, wenn sie ihre Aufgabe gewichtig betreiben und ihre Verantwortung bewusst wahrnehmen; das bringt die Rolle mit sich. Gleichzeitig gilt aber, dass ein verantwortungsbewusster und ernsthafter Führer, dem man ansieht und abnimmt, dass er seine Aufgabe mit Lust und Motivation ausübt, eine durchweg positive Wirkung erzeugt. Eine häufig zur Schau getragene Leidensmiene zieht die Untergebenen mental nach unten. Fröhliche Führungstätigkeit hingegen hat etwas Mitreißendes und Antreibendes an sich – man freut sich mit dem Chef und möchte sich am liebsten an seiner Aufgabe beteiligen.

Genau so funktioniert Motivation – im Lehrbuch wie in der Praxis. Ein Beispiel geben, vorangehen, aufmuntern, Ziele setzen und Ziele erreichen; Leute entdecken, gewinnen, mitnehmen und entwickeln. Eifrige loben und Faule tadeln, Schwächen ausgleichen und Stärken ausbauen – das ganze Spektrum der Führungsarbeit eben. Eine brillante Führungskraft ist Berater, Begleiter, Anführer, Kritiker und Lehrer in einen. Wer diese bewährten Werkzeuge aus dem Führungswerkzeugkasten bewusst und gekonnt einsetzt, wird auch selbst Befriedigung im Job erfahren. Im fortgeschrittenen Fall sogar Freude! Ich gebe deshalb den Rat: Auch auf Führungsebene darf gelacht werden – und zwar nicht bloß aufgrund von Sarkasmus, sondern aus echter Überzeugung.

Kritischer Blick in den Spiegel
Nun sind Unternehmer im Regelfall keine Animateure und die Zeiten nicht immer lustig. Das wohl wahr. Dennoch: Ein kritischer Blick in den Spiegel empfiehlt sich von Zeit zu Zeit. Dominieren die Lachfalten, 1aufen die Dinge gut. Sehen Sie Ihr Konterfei überwiegend mit hängenden Mundwinkeln, läuft etwas schief. Wenn Sie Wirkung erzielen wollen, wenn Sie Menschen und speziell Ihre Mitarbeiter für sich gewinnen und bei der Stange halten wollen, müssen Sie unbedingt an Ihrem Gesichtsausdruck arbeiten. Falls Sie den eigenen Augen nicht trauen, sollten Sie gute Freunde um den kritischen Gesichtsblick bitten. Jede Führungskraft sei für ihr Gesicht (gemeint ist natürlich der Gesichtsausdruck, nicht die subjektiv erlebte Schönheit) selbst verantwortlich. Ich empfehle Ihnen den diskreten Spiegelblick wärmstens.

Zur Person:
Diplom-Betriebswirt (FH) Martin Beck ist Unternehmensberater, Großhandelskaufmann und Honorarprofessor an der Hochschule Nürtingen. www.pro-beck.net
 

Mit freundlicher Genehmigung des Unternehmermagazins ProFirma, Ausgabe 10/2009, Haufe Mediengruppe

Tracht und Niedertracht (bbr-Editorial 2/2010)

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“Wer sich an Vorschriften festhalten kann, muss nicht selber denken.”

Ende November 2008 sagte die Bundesbank für 2009 eine Rezession um etwa 1 % voraus. Leider kam es etwas anders. Für 2010 erwartet man über 1 % Wachstum. Vielleicht kommt es ja wieder etwas anders.

Die Krise ist noch nicht überstanden, aber wir nähern uns dem Ausgang. Und wir sind relativ glimpflich davongekommen: Der Konsum ist nicht eingebrochen, die Arbeitslosigkeit ist weit geringer gestiegen als von den Berufskassandren versprochen. Grund: Die veröffentlichten Unkenrufe passten so gar nicht zur gefühlten persönlichen Situation. Denn: Trotz der schwierigen Wirtschaftslage sahen die meisten ihre Arbeitsplätze nicht gefährdet. Und angesichts drohender Kurzarbeit wollte sich manche( r) noch was Schönes gönnen, bevor das Geld alle wird.

Hinter diesem glimpflichen Verlauf steckt eine großartige, wenn auch nicht immer freiwillige gemeinschaftliche Leistung: Wesentliche Kräfte haben zusammengespielt: Politiker, (mittelständische) Unternehmer, Beschäftigte (die ja auch Konsumenten sind).

Die Ad-hoc-Maßnahmen der damaligen Bundesregierung machten den Anfang. Möglicherweise konnte das nur eine Große Koalition. Rotgrün hätte sich wohl nicht dem Verdacht planwirtschaftlicher Ambitionen aussetzen wollen, und bei Schwarzgelb hätte sich vielleicht die Prinzipienkavallerie formiert.

Gesellschaftlicher Konsens ist allerdings eine Provokation für diejenigen, die das Leben lieber als permanenten Kampf sehen – vielleicht nur, weil sie sich für die Stärkeren halten. Dabei übersehen sie zweierlei: Am Aschermittwoch ist zwar nicht alles vorbei, sehr wohl aber die Zeit der Büttenreden, auch im trachtenträchtigen Niederbayern; und permanenter Wahlkampf (im Schnitt haben wir alle drei Monate eine Bundes- oder Landtagswahl) heißt nicht permanenter Klassenkampf. Schon gar nicht ist alles erlaubt in einer zivilisierten Gesellschaft.

Anders als Sozialdarwinisten glauben, war nicht ständige Auseinandersetzung, sondern Zusammenhalt in Notzeiten entscheidend für die Menschwerdung – und ist es für das Menschsein. Deshalb ist Humanität (nicht verwechseln mit Humanismus!) für uns essenziell. Und zur Freiheit gehört eine gewisse soziale Absicherung, denn Angst macht unfrei. Zwecks Stimmenfang Arme gegen Ärmste hetzen, oder Einheimische gegen Zuwanderer, ist schändlich. Gezeter und Gekreische gehören ohnehin auf den Affenfelsen!

Noch eine Spezies hat nicht begriffen, dass sie nicht nur für den Weg in die Krise, sondern auch für den Weg heraus mitverantwortlich ist: Broker, ›Analysten‹ und Banker. Haben sie kürzlich ohne jede Vorsicht einige hundert Milliarden Euro verbummelt, sind zumindest letztere jetzt, da es um die solide Überbrückungsfinanzierungen seriöser Unternehmen geht, übervorsichtig und verschanzen sich hinter ›Basel II‹ und höheren Instanzen – wer sich an Vorschriften festhalten kann, muss nicht selber denken. Günstige Kredite würden jetzt dringend für den Aufschwung benötigt. Doch die Renditen solcher Kredite liegen deutlich unter 10 % – plus immerhin. Dann doch lieber mit ›Derivaten‹ jonglieren, Prämien und Abfindungen kassieren! Die nächste Blase bläht sich schon.

Prämien und Abfindungen sind auch das Steckenpferd mancher Manager der ›anonymen Sozietäten‹. Wann werden die kapieren, dass ein Unternehmen – es herrscht das Knappheitsprinzip – zuallererst Kunden braucht, zweitens gute Mitarbeiter und erst weit dahinter Shareholder? Geld ist mobil. Und es gibt genug Anleger, die lieber in eine solide Anlage mit solider Rendite investieren als in eine verlustträchtige Luftblase.

Neben den Banken und den großen Anlagefonds etablieren sich derzeit im Internet neue Formen der Kreditvergabe. Noch haben sie zwei Nachteile: Seriöse Anbieter sind selten; und bislang gibt es nur Kleinkredite. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und dann können Sie unwillige Banker auf die Gefälligkeit eines Mittelfingers hinweisen.

Hans-Georg Schätzl

Die Luftschlacht über den Stammtischen: Hans Hartmann zu Anstand und Moral

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Hans Hartmann nimmt einige Argumente in Wirtschafts-Kreisen kritisch unter die Lupe – und auseinander.

Erinnern Sie sich? Voller Häme haben die Medien vor etwa zwei Monaten die Vollendung der ersten 100 Tage Merkel II zelebriert, zum Beispiel Handlungsdefizite (kein Wunder bei dem politischen Ziehvater) moniert, etwa weil die versprochene Steuerentlastung für Unternehmen nur selektiv umgesetzt wurde. Doch inzwischen hat sich eine Menge geändert: Die Regierung ist jetzt über 150 Tage im Amt.

Es hätte schlimmer kommen können: Ein Markt-Darwinist (dem ZDF-Komiker unterstellten, er verstünde von Wirtschaften mehr als von Wirtschaften; wann zerren die endlich den Brüller ›Brüderle und Schwester…le‹ aus der Gosse – oder habe ich etwas versäumt?) im Wirtschaftsministerium, der nichts von Rettungsmaßnahmen für kränkelnde Unternehmen hält, ein Entwicklungshilfeminister, der die Entwicklungshilfe abschaffen will – was war da vom Gesundheitsminister (für einige Tage jüngstes Kabinettsmitglied ›aller Zeiten‹, bis ihn ›Kohl, Köhler, am köhlsten‹ als solches ablöste) aus dem gleichen Joint-adventure zu erwarten? Glaubt man dort doch eher, zur wahren Freiheit gehöre auch der freie Fall – den ein soziales Netz nur störe. Doch der Gesundheitsminister setzt jetzt auf Planwirtschaft, also Teufelszeug!

Weil seine Popularität frei fiel, analysierte der Bundesminister des Äußeren das Innenleben der offiziell etwa 3,6 Millionen, real eher doppelt so vielen deutschen Arbeitslosen, vulgo, also in Wirtschafts-Kreisen, »Sozialschmarotzer« genannt, die aus lauter Faul- und Bosheit die höchstens 900000 offenen Stellen nicht besetzen (die zu vermehren gehört übrigens zu den Aufgaben von Wirtschaftsministern), sondern mit ihren ungefähr 40 Mrd. € pro Jahr lieber in Kir Royal oder Härterem baden, während ihre Kindermassen, so die Stammtisch-Perspektive, vor der laufenden Glotze Chips futtern. Die reine Wahrheit, wie inzwischen allgemein bekannt ist … Insofern war diese Diskussion sogar nützlich, weil einige Latrinenparolen weggewischt und gewisse Darstellungen vom Kopf auf die Füße gestellt wurden.

Der Staat braucht das Geld dringend für andere soziale Randgruppen: zum Beispiel über eine halbe Billion Euro als Absicherung für die Second-Life-Spielsüchtigen in den Banken und an den Börsen – zu bezahlen aus dem kärglichen Steueraufkommen ihrer Opfer und über Jahrzehnte zu tilgen und zu verzinsen (bei wem wohl?) – und die Großstil-Steuerhinterzieher, die als Besserverdienende wohl zu den schützenswerten, wenngleich nicht vom Aussterben bedrohten Arten gehören.

Immerhin hat die christlich-sozial-demokratisch geprägte Pastorentochter Merkel ihren Koalitionspartner in Sachen Steuersünder-CD durch ein schnelles und erstaunlich klares Wort davor bewahrt, sich des Amts-Meineides (»Schaden von ihm wenden«; ihm, dem deutschen Volk) und der Strafvereitelung schuldig zu machen und die Schweiz Schweiz sein lassen. Das war ja eine bizarre Diskussion: Darf sich denn der Fahrer eines Fluchtautos über die Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte beschweren, weil jemand das Nummernschild geknipst hat und die Bilder der Polizei übergibt? Auf ehrenwerte Kontoinhaber wie Idi Amin, (Papa und Baby) Doc Duvalier, Reza Pahlewi oder Saddam Hussein, die ihre Völker im großen Stil haben ausbluten lassen, will ich hier und jetzt nicht eingehen.

Gehen wir lieber zurück – zu den Börsen und den sich schon wieder bedenklich aufblasenden Blasen: Was ist eigentlich aus den von Politikseite weltweit geplanten Kontrollmechanismen geworden, um diese Geschäfteleien mit dem Scheingeld (statt echten Geldscheinen) unter Kontrolle zu bringen? Noch keine eineinhalb Jahre ist es her, dass selbst führende Bankmanager (sogar einer aus der Schweiz) die Verstaatlichung des einen oder anderen Instituts für nicht abwegig hielten – ja vereinzelt sogar darum baten. Einige der Herrschaften, die die Weltwirtschaft in den Schlamassel geritten hatten, haben sich inzwischen aus dem Geschäftsleben zurückgezogen, überzeugt durch immer noch sieben- und achtstellige ›Argumente‹. Was könnte man Knäste bauen für das Geld!

Ach ja: ›liberalis‹ heißt auf Deutsch edel, gütig, freigiebig, großzügig.

Zur Person
Hans Hartmann , ehemaliger Unternehmensberater, ist Politik- und Gesellschaftskritiker im Ruhestand.

Der Gipfel der Unverschämtheit (bbr-Editorial 1/2010)

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“Wenn Europa von Luschen geführt wird, wird es sang- und klanglos untergehen.”
Von Gipfeln geht es nur abwärts; das gilt wohl auch für ›Klimagipfel‹. Man solle ›Kopenhagen‹ nicht schlechtreden, forderte die kummerverwöhnte Chefin der gelb-scharzen Koallision (so jüngst die Aussprache ihres Freudigen Innenministers) kurz nach des ›Gipfels‹ kläglichem Ende und kurz bevor sie das Jahr 2010 a priori schlechtredete: ›Yes, we drown‹ oder was? Jenen Weltuntergangsbeschluss kann man gar nicht schlechtreden. Da fehlen sogar uns die Worte.

Die Rolle des Schurkenstaates übernimmt die ›Volksrepublik‹ China. Ihre Führer nehmen billigend den möglichen Tod Hunderttausender aus niedrigen Beweggründen vorsätzlich und vielleicht sogar heimtückisch in Kauf. Und die VR China hat Geld, viel Geld. Mit Geld regiert man nicht nur die Welt, sondern kauft auch (ihrem) Führungspersonal (den Schneid ab) und führt es vor.

Die größte Wirtschaftsmacht der Erde, die EU, hat sich auf eine Reduktion ihres – wohlgemerkt ihres eigenen – Treibhausgas- Ausstoßes geeinigt und sie als Vorleistung angeboten, da diktiert ihr der große Diktator aus dem Reich der Mitte, das sich bekanntlich jede Einmischung verbittet, was sie sich erlauben darf und ob überhaupt etwas, da er sonst den Vereinbarungen nicht zustimmen könne. Die EU gibt klein bei – und der Chinese stimmt, wie angekündigt, dem eigenen Diktat nicht zu, sondern »nimmt es zur Kenntnis«.

Weniger hätte er auch nicht tun können, wenn strenge Grenzwerte beschlossen worden wären. Wieso wurden die dann nicht postwendend wieder ins Abschlussprotokoll geschrieben? Etwa, weil unsere Regierer sie gar nicht wollten, sondern nur ein kleinbisschen Show für die Wähler, oder weil sie Luschen sind? Jetzt ist klar, wer künftig die Welt regieren und wer sang- und klanglos untergehen wird – und wer wie ein Schulbub danebensteht. 

Der US-Präsident wurde von seinem Kollegen derart gedemütigt, dass er die Nerven verlor. Denn der Chinese musste, bevor er Obama zu empfangen geruhte, die Vertreter Indiens, Südafrikas und – nochmal: Geld regiert die Welt – anderer Drittweltstaaten nachschulen; Länder, die zwar vom Klimachaos akut bedroht sind, aber lieber ihre ökonomischen Interessen verfolgen. Pech für die Bewohner von flachen Inseln oder Wüstenrändern. Die haben kein Geld und keine Macht und keinen Ausweg (außer Slums und Zeltlager); ist ja kein Exportmarkt ›da unten‹, und das christliche und deshalb soziale, sich aber kulturell und wirtschaftlich gefährdet wähnende Abendland hat dichtgemacht.

In den USA und China gibt es ebenfalls wachsende Wüsten – keine Häme, denn auch dort trifft’s die Falschen! Immerhin hat Obama den Ernst der Lage erkannt – als erster US-Präsident seit Carter. Dessen Abwahl 1980 war wohl die verheerendste Folge des persischen Putsches, denn Carters Nachfolger waren allesamt Öko- Ignoranten – auch Clinton, der durch seinen Vize Gore in Kyoto die wirksame Begrenzung der Treibhausgas-Produktion verhindern ließ und das Inkrafttreten des Abkommens verzögerte. Über diesen Blowjob regte sich in den USA aber kaum jemand auf.

Das Klimachaos kommt völlig überraschend. Selbst ›Kosmos‹ oder ›Hobby‹ lesende Teenager erfuhren erst vor gut 40 Jahren von der Gefahr. Freilich – wenn Ideologie die Realität verwölkt, dauert es mit dem Durchblick etwas länger. ›Kopenhagen‹ war folglich so zu erwarten: Ignorieren balzende Auerhähne den Jäger selbst in unmittelbarer Nähe, wundern wir uns; vergleichbares Verhalten unserer mächtigsten Politiker verwundert nicht. Warum wohl? Weshalb ich derart aufs Blech haue? Gute Frage! Mir kann völlig egal sein, was 2050 los ist. Aber wenn Sie Menschen lieben, die unter 30 sind, dann sollten Sie handeln, und zwar gleich.

Hans-Georg Schätzl
Chefredakteur bbr

Design-Potenzial oft nur zu 20 Prozent gehoben

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Jürgen R. Schmid analysiert Maschinen der Blechverarbeiter und fordert konsequentere Design-Strategien
Dass das Thema ›Design‹ Blechverarbeiter und Umformer immerhin erreicht hat, konnte man auf der Blechexpo in Stuttgart feststellen. Auch das Standpersonal war fast überall aufgeschlossen für das Thema. Denn den Vertrieblern ist klar: Wenn alle Geräte gleichermaßen technisch und funktional ausgereift sind, kann man sich nur noch über das Design differenzieren.

Doch von Design-Strategie kann man selbst bei vielen Markt- und Technologieführern nicht sprechen. Eher so: Man erkennt das Bemühen. Das zeigt sich mal in der Formgebung, mal in einheitlichen Griffen. Im besten Fall ist der einzelnen Maschine anzusehen, dass sie eine aktuelle Formgebung hat – im Rest der Produktgruppe sieht es aber wie in den 90er-Jahren aus. Am ehesten gibt es noch ein durchgängiges Farbkonzept.

Immerhin scheint sich bis zum Letzten herumgesprochen zu haben, dass Tastaturen leicht verschmutzen, was den Eindruck einer veralteten Maschine vermittelt. Deshalb sind Touchscreens und Bildschirmsteuerung nun Standard, zumal sie die Flexibilität erhöhen und Fehlbedienungen reduzieren. Von der selbsterklärenden Menüführung – Stichwort Mensch-Maschine-Schnittstelle – sind die meisten Anbieter aber noch weit entfernt. Allenfalls ein Fünftel des Machbaren ist hier realisiert. Das heißt etwa, dass nicht einmal alle Maschinen eines Herstellers derselben Logik folgen.

Global Player wie Homag oder Maquet nutzen wissenschaftliche Erkenntnisse und starten Testreihen mit Anwendern, um die Bedienerfreundlichkeit zu optimieren. Mittelständler winken mit dem Kostenargument ab. Warum stellen sie dem Kostenargument nicht mal den Nutzenvorteil gegenüber? Sie könnten sich vom Wettbewerb differenzieren durch kürzere Schulungszeiten und geringere Fehlerquoten der Maschinenbediener. Das sind doch auch Kostenvorteile!

Man brauchte zudem nur abgucken, wie Große erfolgreich sind. Etwa die eigenen Design-Merkmale (Schrifttype, Farbe, Logo) auch in der Menüführung aufzugreifen, statt hier nochmals was anderes zu kreieren.

Ein weiterer Punkt mangelnder Design-Strategie sind Zukaufteile wie Griffe. Die werden dort gekauft, wo sie am billigsten sind, oder bei dem Lieferanten, den man ohnehin hat. Der pflegt aber, wenn er gut ist, viel lieber sein eigenes Design. Hier liegt viel Kreativpotenzial, wie man den Zukauf umkehrt und zu eigenmarkenbildenden Lösungen aus einem Guss kommt.

Ähnlich verhält es sich bei der Verarbeitungsqualität: Man erkennt an den schmaleren Spaltmaßen ganz deutlich, dass die Blechverarbeiter besser werden. Die Oberflächenbeschichter machen aber noch immer, was sie wollen und wie sie es eben am besten hinkriegen. Auch hier müsste der Kunde den exakten Glanzgrad vorgeben, damit sein Produkt nicht speckig wirkt oder leicht verdreckt. Und die Oberfläche sollte feinkörnig sein, statt an eine Orangenhaut zu erinnern.

Dasselbe gilt für die Farbgebung. Hier hat der Letzte begriffen, dass lichtgrau als schick gilt. Nur, wenn das alle machen, ist es schon wieder langweilig. Deshalb die Faustformel: Die Farbe immer konträr zur Branche wählen, um aufzufallen. Natürlich gilt dies nur mit Einschränkungen. Denn wo viel verschmutzt, sind helle Farben ungeeignet. Dennoch bleibt farbpsychologisch richtig, dass hell für freundlich steht. Die Lösung kann in schwierigen Fällen sein, mit einer dunklen Grund- und einer hellen Akzentfarbe zu arbeiten.

Dass es im Design keine ewigen Wahrheiten gibt, sondern nur Trendsetzer und Nachahmer, belegt eine weitere Auffälligkeit: In den 90er-Jahren galt es als schick und damit modern, von den klobigen Gusstafeln mit dem Logo auf filigran aufgeklebte Folien überzugehen. Weil auch dies mittlerweile nahezu alle Hersteller tun, ist es schon wieder ein stilvolles Werbemittel, zum dreidimensional aufgesetzten Logo zurückzukehren, weil dies Wertigkeit vermittelt und eben auffällt.

Generell gilt, dass die Maschinen der Blechverarbeiter noch immer viel zu technisch-funktional daherkommen. Selbstverständlich muss die Maschine im Alltag funktionieren. Auch jedes Auto fährt. Und doch lebt keine andere Branche überzeugender vor, wie Form Emotion erzeugt. In diese Gefühlswelt gehören Aspekte wie Haptik, dass sich ein gummierter Griff für den Bediener warm und angenehm anfühlt, oder Handling, dass eine Abdeckung – ähnlich PKW-Kofferräumen – leicht aufspringt, wenn man sie öffnet.

Fazit: Das Thema Design ist erkannt. Doch viele sehen es noch nicht in seiner Dimension als Schlüsselkompetenz, einzelne Facetten zu koordinieren, und die Umsetzung hat eben erst begonnen. Viele Blechverarbeiter wissen leider noch gar nicht, was alles unter das Thema Design fällt, oder was sie ihrem Designer abverlangen dürfen. Oft haben sie noch nicht mal Parameter, nach denen sie erkennen, ob ihr Designer oder ihr Design gut oder eben schlecht sind.

Zur Person
Jürgen R. Schmid (53) betreibt in Ammerbuch mit elf Mitarbeitern das Büro Design Tech, das international für Markt- und Technologieführer aus Industrie und Medizin arbeitet. Rund 90 Design-Preise belegen sein Vordenker-Image.
www.designtech.eu

Klassenkeile (bbr:Editorial 10/2009)

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›Streber‹ sind die natürlichen Feinde aller Überforderten und also ›gerne‹ Opfer von Häme und Schlimmerem. Und da Reifeprozesse oft etwas dauern, beschränkt sich dieses Phänomen nicht auf die Pubertät.
 
Ausgerechnet flämische Toppolitiker entblödeten sich nicht, die deutsche Reichs- äh Bundesregierung in Sachen Opel vor einem »nationalistischen Ansatz« zu warnen und von ihr zu fordern, gefälligst die Rettung aller europäischen GM-Standorte, insbesondere Antwerpens, zu bezahlen. Gewohnheitsrecht, was? Oder sollen wir wieder einmal Buße für das Tausendjährige tun? Den Teufel werden wir! Wir schreiben 2009, nicht 1939. Wenn die EU-Kommission oder sonstwer den sicher diskussionswürdigen Magna-Deal der Bundesregierung untersagt, dann wird eben nicht gezahlt, Opel dicht gemacht, einschließlich Standort Antwerpen, und die weise belgische Regierung hat ihr Ziel erreicht.

Standort-Wechsel: Am Hindukusch ereignen sich fürchterliche Dinge, täglich. Und so jubelte die übrige westliche Welt, endlich mal seien die deutschen Musterschüler an einem Massaker schuld – lange bevor irgendetwas geklärt war. Wird ›Schuldsvermutung‹ Unwort des Jahres? Und unsere Massenmedien mit ihrem untrüglichen Sinn fürs wahrhaft Wichtige schossen sich auf den unglücklich agierenden Bundes-Nicht-Kriegs-Minister ein, statt sich gegen die internationale Vorverurteilung zu wehren und die Geschichte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Wie wohltuend objektiv dagegen die Reaktion vieler Afghanen einschließlich der Untersuchungskommission! Sie forderten die Terroristen nicht hintenherum auf, es vergeltungshalber doch mal in Deutschland krachen zu lassen. Wer Verbündete hat wie wir, muss keinen Feind fürchten.

Im Vergleich zur internationalen Diplomatie wirkt der globale Konkurrenzkampf trotz Krise wie eine Kuschelecke. Das zeigten auch die beiden Weltmessen im September, die IAA und die Schweißen & Schneiden. Doch wie unterschiedlich: Während in Frankfurt Besinnlichkeit angesagt zu sein schien, tobte in Essen erwartungsgemäß der Bär! Die Besucher drängten sich auf den in der guten alten Zeit (2008) geplanten und entsprechend großzügig dimensionierten Ständen. Anfragen und Aufträge nehmen seit Jahresmitte zu, und auch die Suche nach Arbeitskräften. Wenn jetzt noch die Bänker ihr Kerngeschäft kapieren würden, dann ginge es bald wieder steil aufwärts.

Wie ist Ihre Meinung?

Hans-Georg Schätzl
Chefredakteur bbr

Die Krise (bbr:Editorial 8/9 2009)

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Warum bekommen Banker keine Berufsunfähigkeitsversicherung? — Zu spät!
Aber wir haben nicht nur im Finanzwesen Bildungs- und Ausbildungsdefizite. So fehlen Deutschland laut VDI alleine etwa 50.000 Ingenieure. Und nicht nur die …

O.k. — der hat schon einen Bart. Doch aktuell ist, dass allzu viele Manager nicht rechnen können und zum Beispiel den Umsatz durch Personalmangel, etwa im Verkauf, stärker senken als die Personalkosten. Wir haben ein Bildungsproblem — und nicht erst heute. Auch andere weisen leichte Unsicherheiten im Rechnen auf: So soll einst ein späterer Telefonexperte, seinerzeit Bundeswirtschaftsminister, vermutet haben, die Million hätte sieben Nullen — vielleicht meinte er ja die Milliarde. So jemand glaubt auch, künstlich verbilligte Kernkraft würde die Entwicklung und Verbreitung von Stromspartechnologien fördern und Steuersenkungen die Staatseinnahmen erhöhen, aber das ist ein anderes Thema …

Wir haben ein Bildungsproblem — auch ganz oben.

Mit Nullen hat aber nicht nur Schwierigkeiten, wer davon ständig umgeben ist: So wollte der uns eher in lateinischen Sprüchen heimische Radioansager eines Bildungssenders weismachen, die Billiarde werde auch Quadrillion genannt — richtig, hätte er letztere englisch ausgesprochen. Und sein Kollege im Wissenschaftsmagazin behauptete, die Trillion habe 36 Nullen; noch mal nachrechnen: Tri-, also 3 … mal 6 ist … ähhh, wer hat wieder meinen Taschenrechner verlegt?!? Da wundert es nicht, wenn die gleiche Redaktion ein Haar auf 50 Nanometer verdünnt.

Wir haben ein Bildungsproblem — ganz unten:

am Basis-, am Grundschulwissen. »Wer gründete Rom? A) Romulus und Remus? B) Dick und Doof?« fragte neulich ein Privat-TV-Sender. Indirekte Selbstkritik? Nun — im ZDF glaubten über 50 %, Libellen könnten stechen, Hummeln dagegen nicht (es war eindeutig eine Hummel, die vorletzten Sommer zustach, weil sie sich in meinem Scheitel verfangen hatte). Und gefühlte 90 % von uns stellt die Bedeutung eines einfachen Wortes wie ›Beschleunigungsspur‹ und deren Länge vor unlösbare Rätsel.

Wir haben ein Bildungsproblem — in der Breite.

Die Politiker haben das Problem gleich erkannt, schon 45 Jahre nach Georg Pichts Buch ›Die deutsche Bildungskatastrophe‹, manche auch etwas früher. Aber einige (summa summarum) Jahrhunderte Regieren in Bund und Ländern haben ihnen einfach nicht gereicht für die Sofortmaßnahmen, die sie jetzt wieder einmal versprechen. Wir haben ein Bildungsproblem — in der Tiefe, und es fehlen nicht nur 50.000 Ingenieure. Romulus und Remus sind übrigens Sagengestalten, also …

Hans-Georg Schätzl
Chefredakteur bbr